Geboren im Viehstall auf der Ellerwiese

Eine Weihnachtsgeschichte aus Schönhagen

Korbmacher strebten früher nicht nach Reichtum und Ruhm, sondern die Frauen und Männer, die diesen klassischen „Noterwerb“ ausübten, kämpften Tag für Tag ums Überleben. Sie wurden auch nicht immer gern gesehen, obwohl Bauern und Handwerker Kiepen und Körbe für die Arbeit auf dem Feld, in der Werkstatt und im Haushalt benötigten. Wenn beispielsweise die mächtigen, mit hunderten von Körben behangenen Rollwägen aus dem Korbmacherdorf Dalhausen durch die Dörfer des Wesertals rumpelten, dann eilten die Frauen nach Hause, um die Wäsche von der Leine zu nehmen. Nach der Überlieferung brachten die „Kiepenkerle“ nämlich den Regen mit. Manch ehrbare Hausfrau fürchtete wohl auch um ihr Hab und Gut, denn Korbmacher genossen ein eher zweifelhaftes Ansehen. Einige von ihnen waren Roma, andere zählte man zu den „Jenischen“, zum fahrenden Volk.

Auch die Korbmacherfamilie Otto, die aus Gieselwerder stammte, war nicht auf Rosen gebettet. In den 1920er Jahren mussten ihre aus Weiden geflochtenen Körbe zunehmend mit Industrieprodukten aus Draht konkurrieren. Heinrich und Ilse Otto besaßen jedoch zahlreiche Stammkunden in den Sollingdörfern, die ihre Arbeit zu schätzen wussten. Im oberen Ahletal hatten sie nordwestlich von Schönhagen ein kostengünstiges Quartier in einem abgelegenen Stall gefunden. „Düwels Hütte“ lag etwa 1,5 km vom Dorf entfernt am Waldrand.

 Im Oktober 1921 waren die Ottos wieder im Ahletal unterwegs. Obwohl sie hochschwanger war, ging Ilse Otto, die in den Dörfen „Körberlieschen“ genannt wurde, von Haus zu Haus und sammelte kaputte Körbe ein, die Ehemann Heinrich in Düwels Hütte reparierte.

Gegen Ende des Monats schlug das Wetter plötzlich um. Die Sonnentage waren endgültig vorbei und nasskaltes Novemberwetter hielt seinen Einzug. Am 7. November nahm der Wind stetig zu, der Regen ging in Schnee über. Am Abend dieses grauen Tages klopfte Heinrich Otto an die Tür von Karoline Thomas. Die „Taunerstante“ genannte Hebamme von Schönhagen sollte zur Düwelshütte kommen, da bei seiner Frau die Wehen eingesetzt hätten.Wachtmeister Röder und Nachtwächter Wiegmann, der Vater des späteren Ortsbürgermeisters, begleiteten Frau Thomas durch die stürmische Nacht und trugen Laterne und Hebammenkoffer. Ob sie rechtzeitig die provisorische Unterkunft der Ottos erreichten, ist nicht überliefert. Im  Schönhäger Geburtsregister findet sich der Vermerk: „Am 7. 11. 1921 wurde von dem Korbmacher Heinrich Otto und dessen Ehefrau Ilse, beide in Gieselwerder geboren, nachmittags halb 10 Uhr in dem Viehstall auf dem Grundstück Karl Bietendübels, auf der Ellerwiese, Gemarkung Schönhagen, ein Sohn namens Heinrich geboren.“  Ilse Otto erholte sich bald von der Entbindung. Wegen Frost, Schnee und Graupel meldete sie jedoch erst zehn Tage später die Geburt ihres Sohnes beim Standesamt an.

Die Ottos quartierten sich in den folgenden Jahren noch öfter in Düwels Hütte ein. Heinrich junior besuchte in diesen Wochen die Volksschule des Waldarbeiterdorfes. Wegen seiner Herkunft nannten ihn seine Freunde „Düwels Heinrich“.

 

Wolfgang Schäfer

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