Grenzstreit um Rodeland eskaliert

Das Kreitland zwischen Heisebeck und Offensen

 

Mit Dreschflegel und Rodehacke: Offensens Heimatpfleger Dietmar Wieneke (links) und Chronik-Autor Heiko Herrmann aus Heisebeck brachten sich 2010 am „Kreitland“ für ein Pressefoto in Position, um an die Auseinandersetzungen vor 450 Jahren zu erinnern. Im Hintergrund ist ein Teil Offensens zu sehen. (Foto: Jörg Nolte).

 

Ein Streit zweier Dörfer um Ackerland – heute undenkbar! Nicht so im 16. Jahrhundert. Damals expandierten die Dörfer, die Einwohnerzahl nahm zu. Ackerland war knapp. Im begrenzten Umfang gestattete die Landesherrschaft das Roden von verdrieschten und teils bewaldeten Flächen, meist zur Waldweide (Hute) benutzte Areale.

Beim hessischen Dorf Heisebeck sind solche Grenzverletzungen („Irrungen“) ab etwa 1520 mehrfach in Archivalien überliefert. Es ging um den alten und neuen Knick (Grenze) am Lichtenberg, die Martinsbreite/Hessenspitze an der Grenze zu Fürstenhagen und besonders um das Gelände „Auf der Harth“ zwischen Heisebeck und Offensen. Näher betrachten wollen wir die Situation an der Harth, dem schmalen Rücken zwischen Kirchgrund und Hessenbach. Offensener und Heisebecker Ackerleute hatten hangwärts Flächen gerodet und stießen auf der Höhe aneinander. Es entbrannte ein erbitterter Streit um die Besitzrechte an den kultivierten Flächen. „Sei kreitet seck allwier“  (Sie streiten sich schon wieder); dieser Ausspruch dürfte damals oft gefallen sein.

Die 1551 vernommenen hessischen Ortskundigen beschreiben die Lage so: Zu Zeiten des Försters Georg Koch und Jan (etwa 1525) habe Kersting Mascher „sampt Gesellen“ aus Offensen Schweine zur Mast gegen Forstgeld in die Harth getrieben. Zur Zeit von Heinrich von Grebenstein, gewesener Förster (um 1530), hätten etliche braunschweigischen Untertanen „ohne sein willen und zulassen“ die Harth zu roden angefangen. Bei Förster Augustin Thonn  (wohl vor 1540) sei ein steter Zank des Rodens halber gewesen, das verwehrt worden sei. Zur Zeit von Förster Hans Holzhausen (nach 1540 bis etwa 1548) sei das Roden erlaubt und auch verboten gewesen. Als sich Landgraf Philipp  in „Custodie“ (Gefangenschaft 1548 bis 1552) befand, hätten die braunschweigischen Untertanen „gewaltiglich und mutwillig“ wieder zu roden angefangen. Dieses die hessische Sichtweise.

 

Der Streit zwischen den Dörflern schwelte weiter. 1558 sind zwei Bewohner von Heisebeck von Braunschweigern bei  der  Feldarbeit geschlagen worden. Auch wurde ihnen ein Pferd gepfändet. Die Bemühungen um „Restitution“ (Rückgabe) blieben ohne Erfolg. Im Herbst des folgenden Jahres 1559 beschlagnahmte der hessische Förster Hans aus der Mark (Oedelsheim) auf dem „streitigen“ Land die Egge eines Braunschweigers. Da eine Einigung nicht gelang, wandte sich der Braunschweiger Herzog an das Reichskammergericht in Speyer, um ein Mandat zu erwirken.  Nun eskalierte der Streit vollends. Im April 1560 besäten die Offensener Bauern abermals das „streitige“ Ackerland. Außerdem beklagten die Hessen ein rigoroses Vorgehen der Braunschweiger beim Eintreiben von Schulden der hessischen Grenzbewohner. Im Juni/Juli 1560 ließ der hessische Amtmann zu Sababurg die Frucht auf dem Streitland  durch ein Aufgebot zertreten. Postwendend riefen die Offensener  mit Glockenschlag  ein noch größeres Aufgebot zusammen, das wiederum die Frucht des hessischen Nachbargrundstücks völlig niedertrat.

 

Leidtragende dieser Auseinandersetzung  waren die Dorfbewohner. Die Egge wurde schließlich zurückgegeben. Nach einem Augenscheintermin im August 1560 und direkten Verhandlungen einigten sich die Parteien gütlich; das streitige Land wurde geteilt. War bei der Zeugenvernehmung 1544 von 6 Acker streitigen Landes die Rede, so bezifferte man die Fläche 1560 mit 60 Acker.

Die Gemarkungskarten Heisebeck von 1774, die Dorfbeschreibung von 1785 und die aktuellen Katasterkarten  führen die Flurbezeichnung „Krethland“ (Kreitland, Kreitbreite). Ein Versprung in der Grenzlinie erinnert an die damalige Auseinandersetzung.

 

Aus heutiger Sicht hat die Wald- und Feldnutzung längst nicht mehr den Stellenwert vergangener Zeiten. Das Verhältnis der Grenzdörfer ist geprägt vom Miteinander und vielfältiger Zusammenarbeit.

 

Quelle:

Roland Henne: Zur älteren Geschichte des Grenzdorfes Heisebeck. Ein Beitrag zur 850-Jahr-Feier. Sollinger Heimatblätter Uslar, Heft 3/2001, S. 4 -16,  Heft 4/2001, S. 4 – 10.

GPS Koordinaten:

 Breitengrad :

 51°35'21.6"N

 Längengrad :

 9°40'12.4"E

So finden Sie uns:

Sollingverein e.V.  ·  Am Sägewerk 5  ·  37603 Holzminden - Neuhaus