Mittelalterliche Glasmacherei an der Oberweser

Ein vergessenes „high-tech“ Exportgewerbe von weltweiter Bedeutung

 

von Professor Hans-Georg Stephan

Grabungsbeginn: Grabungsleiterin Claudia Schaller und Professor Stephan beraten sich mit Studenten

Die insgesamt 10 Wochen dauernde Lehr- und Forschungsgrabung der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg in Kooperation mit der Fachhochschule Anhalt im Bereich einer Glashütte der Zeit um 1450 bei Bodenfelde neigt sich dem Ende zu. Am 30.9. trafen sich Vertreter des Sollingvereins, des Fleckens Bodenfelde, der Stadt Uslar, der Kreissparkasse Northeim, von denen unsere Grabung unterstützt wird, im sich über die Ergebnisse der diesjährigen Grabungskampagne zu informieren und weitere Perspektiven zu entwickeln. Prof. Dr. Hans-Georg Stephan und die örtliche Grabungsleiterin präsentierten die Bodenbefunde, darunter Relikte von zwei Nebenöfen, und zahlreiche Funde. Die Grabungskampagne 2013 war insgesamt ein großer Erfolg. An der Grabung nahmen neben Studenten aus verschiedenen deutschen Universitäten zahlreiche Kommilitonen aus China teil, die in Dessau den Aufbaustudiengang Denkmalpflege absolvieren. Umgangssprache war deshalb, auch in der Unterkunft und dem Grabungsbüro in Schönhagen, Englisch. Das Weserbergland gehört zu den traditionellen historischen Glaserzeugungsgebieten Europas. Jahrzehntelange archäologische Geländeforschungen haben neben den Standorten der aus der schriftlichen Überlieferung bekannten Hüttenplätze der Neuzeit eine Vielzahl mittelalterlicher Waldglashütten erbracht. Derzeit kennen wir im gesamten Abendland keine Region mit einer auch nur annähernd so großen Anzahl derart früher Hütten. Die Produktion erlebte offenbar in der Frühzeit zwischen etwa 1150 und 1250 einen ersten Höhepunkt. Dazu sind einige Grabungen im Bramwald, Hils und Reinhardswald durchgeführt worden. Die überwiegend sehr unscheinbaren und auf den ersten Blick nur schwer erkennbaren Plätze erbrachten bislang nur relativ schlecht erhaltene Öfen und neben Bruch der Glasschmelzgefäße (Häfen) sowie Tropfen von Glas und Gebrauchskeramik (wichtig zur Datierung) kaum Funde. Auch im Solling sind derartige Plätze bekannt, doch fehlen bislang Grabungen. Wenig Beachtung fand an der Oberweser bislang die spätmittelalterliche Produktionsphase des 15. Jahrhunderts, die offenbar von mancherlei technischen und organisatorischen Innovationen begleitet war in eine Periode des Aufschwungs nach längerer Stagnation darstellte. Gezielte Geländebegehungen wurden von ums seit mehreren Jahrzehnten zur Erkundung der mittelalterlichen Kulturlandschaft durchgeführt. Aber auch von verschiedenen anderen Seiten, insbesondere von Roland Henne (Gieselwerder), der z. B. den Hüttenplatz in der Nähe der mittelalterlichen Dorfwüstung Bredenbeke bei Bodenfelde entdeckte. Es zeigt sich allerdings immer wieder, dass ohne Grabungen eine angemessene, fundierte wissenschaftliche Beurteilung von durch Geländerecherchen mit Oberflächenmerkmalen und Funden bekannten mutmaßlichen mittelalterlichen Glashütten nur mit Vorbehalt oder überhaupt nicht möglich ist. Wir haben uns deshalb entschlossen, im Kreickgrund, einem von Wald eingeschlossenen lang gezogenen Wiesental zwischen Bodenfelde und Nienover, 2012 und 2013 Ausgrabungen durchzuführen. Dabei gelang völlig überraschend die zweifelsfreie Auffindung der ältesten abendländischen Waldglashütte aus dem 9. Jh. Auch in den waldreichen Gebieten um Bodenfelde an der Oberweser setzte die eigentliche Zeit der Waldglashütten im 12./13. Jahrhundert ein. Diese steht in Zusammenhang mit Rodungen und Siedlungsneugründungen. Infolge der umfangreichen Landerschließungsmaßnahmen und der mutmaßlichen Holzverkappung wurde um 1250 offenbar die Lage für die Glasmacher schwierig. Die erste große Konjunktur ging damals offenbar zu Ende. Wahrscheinlich wanderten viele Glasmacher in andere Regionen, in denen sie nun günstigere Standortbedingungen vorfanden. Da bislang im Weserbergland fast ausschließlich Glashütten dieser frühen Produktionsphase Gegenstand von Ausgrabungen waren (im Bramwald bei Kloster Bursfelde, am Heidkopf bei Gieselwerder im Reinhardswald, in der Egge bei Altenbeken und im Hils bei Grünenplan) haben wir uns entschlossen, erstmals einen Hüttenplatz des Spätmittelalters etwa 2 km nördlich von Bodenfelde und ungefähr ebenso weit von Schloss und Stadtwüstung Nienover zu erforschen, der durch Geländerecherchen bekannt war. Anhand geomagnetischer Prospektionen (physikalischer Widerstandsmessungen im Boden) im Jahre 2012 konnte die ehemalige Glashütte mit mutmaßlich mindestens drei Öfen ziemlich exakt erfasst werden. Die vermutete ungefähre Datierung ins 15. Jahrhundert hat sich anhand zahlreicher Funde von Gebrauchskeramik, technischer Keramik (Glasschmelzhäfen) und Gläser sowie einer kleinen Bremer Münze aus den 1420er/ 1430er Jahren bestätigt. Leider sind die Öfen offenbar relativ stark zerstört. Man hat die Werkshalle und die Öfen offenbar systematisch abgetragen. Nicht zuletzt konnte eine umfangreiche Industrieschutthalde am Bachrand unterhalb der Werkshalle lokalisiert werden. Es fanden sich zeittypische. großformatige dickwandige Glashäfen, während kleine Schalen, die für frühe Hütten charakteristisch sind, fehlen. Hergestellt hat man vor allem grünliches Glas, daneben aber auch blaues und rot überfangenes grünliches, vielleicht auch rotes opakes Glas. Wahrscheinlich handelt es sich um Holzascheglas und Holzaschekalkglas. letzteres ist gut erhalten, ersteres stärker korrodiert. Naturwissenschaftliche Analysen stehen noch aus. Wie für die Region und die älteren Glashütten ganz Mitteleuropas typisch haben die Glasmacher Fensterglas und Glasgefäße angefertigt. Möglicherweise wurde die Hütte wegen der notwendigen hohen Investitionen von zwei Meistern gemeinsam betrieben. In einer Urkunde von 1472 sind für Wahmbeck zwei Gläsner als wohlhabende Hofbesitzer genannt. Demnach wohnten die Glasmacher vielleicht dort oder in Bodenfelde. Der neue Aufschwung der Glasmacherei im Spätmittelalter steht ganz offensichtlich in engem Zusammenhang mit den starken Wüstungserscheinungen im Weserbergland, denn ab etwa 1400 waren weite Kulturlandflächen verödet und es stand erneut (wie schon im I2. und frühen l3. Jh.) ausreichend Holz zur Verfügung. Er kann kritisch betrachtet noch nicht näher datiert werden. Ab etwa 1450 ist er jedoch auch in den Schriftquellen vor allem für Nordhessen (Kaufunger Wald und Meißner besonders um Großalmerode, am Reinhardswald bei Vaake und Veckerhagen und im Forst Sieburg bei Helmarshausen. in der Werderschen Gehölzen bei Oedelsheim und Heisebeck) und Südniedersachen (bei Bursfelde, Wahmbeck und Adelebsen — schon 1397) ansatzweise greifbar und leitet schließlich in die Konjunkturzeiten des 16. Jahrhunderts über. Eine besonders starke Konzentration spätmittelalterlicher Hüttenplätze des langen 15, Jhs. zeichnet sich zwischen Bodenfelde und Wahmbeck vor dem Südrand des Solling und am Ostrand des Forstes Sieburg ab.

Es wird versucht, anhand der im Gelände lokalisierten Glashütten und auch schriftlicher Quellen, die vereinzelt Glasmacher nennen, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Kleinräumen zu eruieren und hypothetische Vorstellungen zu möglichen Glaserzeugungskreisen zu entwickeln. Bei unseren seit mehreren Jahrzehnten laufenden Forschungen stehen Ökonomie und Technik, die Kulturgeschichte des Glases und langfristige Entwicklungsstränge der historischen Kulturlandschaft ebenso im Fokus wie die regionalen, zeitlich differenzierten und allgemeiner wirksamen und industriespezifischen Mensch-Umland-Beziehungen. Exemplarisch sollen ausgehend von der langjährigen erfolgreichen Kooperation mit dem Institut für Geochemie der Universität Göttingen (Prof. Dr. Karl Hans Wedepohl, Dr. Andreas Kronz) weiterhin die Betriebsorganisation, die Ofentechnologie, die Rezepturen und Produkte sowie die Lebensbedingungen der Glasmacher im Wandel der Zeit näher analysiert werden. Dr. Marie Luise Hillebrecht (Göttingen) kann mit Holzkohleuntersuchungen Beiträge zur Waldentwicklung und Rohstoffversorgung beitragen. Weitere glasanalytische und vor allem auch restauratorisch-konservatorisch viel versprechende Ergebnisse von allgemeinerer Bedeutung für die bislang ungelöste Bergungs- und Konservierungsproblematik verspricht nach einer erfolgversprechenden Testphase ausgehend von einer Magisterarbeit über die Glasfunde an der Wüstungskirche Winnefeld (Rahrig 2012) in Zukunft die Kooperation der Professur für Restaurierungswissenschaften der Universität Bamberg (Prof. Dr. Rainer Drewello) mit der Fachhochschule Berlin und dem Fraunhofer-Institut für Silikatforschung in Würzburg.

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